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Der lange Weg zum Schutz von Amphibienwanderungen in Bad Iburg
Valentina Lilienbecker
Die Bergstraße in Bad Iburg ist ein entscheidender Abschnitt für eine Vielzahl von Amphibien. Jedes Frühjahr wandern Erdkröten, Grasfrösche, Bergmolche, Fadenmolche und viele andere Arten vom Hang und vom Wald aus über die Straße zu ihren Laichplätzen. Doch jahrzehntelang bedeutete diese Wanderung Lebensgefahr.
Im Jahr 2022 begann mein ehrenamtlicher Einsatz für den NABU Osnabrück. Durch einen öffentlichen Aufruf kam ich auf die Idee bei Zaunaufbau und Betreuung helfen zu wollen. Zu viert bauten wir in zwei anstrengenden Tagen einen rund 300 Meter langen Amphibienzaun auf. Das bedeutete: einen Schlitz graben, Folie spannen, Eimer eingraben, Korrekturen nacharbeiten. Ein Kraftakt – aber ein notwendiger.
Beim täglichen Kontrollieren wurde aber auch sichtbar, dass der Zaun nur einen Teil der Tiere erreichte. An den Enden der Strecke – besonders an der Hofeinfahrt der Forellenzucht, an der Biotopzufahrt und am nördlichen Hang – lagen morgens zahlreiche überfahrene Amphibien. An einem einzigen Tag wurden dort rund 50 tote Tiere gezählt.
Diese Diskrepanz zwischen Aufwand und Erfolg war niederschmetternd: Stundenlange Arbeit, tägliche Kontrollen – und dennoch starben mehr Tiere auf der Straße als gerettet werden konnten.
Die Idee einer nächtlichen Sperrung
Aus dieser Erkenntnis entstand für mich die Idee, die Bergstraße während der nächtlichen Wanderung temporär zu sperren. Da im betreffenden Abschnitt keine regulären Anlieger wohnen und der Forellenbetrieb nachts keine Aktivitäten hat, schien dies machbar. Die Stadt reagierte positiv und sagte mir das Vorhaben für 2023 zu.
Im nächsten Jahr (2023 also) wurde die Straße recht unbürokratisch von 20 Uhr bis 7 Uhr morgens zwischen dem Friedhof und dem Forellenzuchtbetrieb gesperrt. Der Bauhof stellte ein paar Barken und Beschilderung auf. Ich fand ein paar Unterstützer, sodass wir uns abends und morgens zum Schließen und Öffnen abwechseln konnten.
Dann stellte sich allerdings heraus: Die Menschen umfahren einfach die Barken oder werfen Sie aus Wut und Unverständnis weg und zudem reicht es nicht ab 20 Uhr, denn die Tiere starten Ihre Wanderung schon bei Dämmerung.
Es wurde viel diskutiert und ausprobiert bis wir die Wanderung in diesem Jahr notdürftig zu Ende gebracht haben.
Dann stellte sich noch heraus, dass nicht die Stadt, sondern der Landkreis Osnabrück für so einen Verwaltungsakt zuständig ist.
2024 sollte alles besser laufen. Der Antrag wurde eingereicht – jedoch aus formalen Gründen abgelehnt. Damit rückte die Saison immer näher.
Frühjahr 2024 – Improvisation unter Zeitdruck
Um überhaupt etwas Schutz zu ermöglichen, bauten wir Ende Februar 2024 erneut mit vielen Helferinnen und Helfern einen provisorischen Zaun. Wieder mit großem körperlichen Einsatz – und wieder mit dem ernüchternden Ergebnis, dass die Totfunde deutlich zahlreicher waren als die Tiere in den Eimern.
Diese Dokumentation wurde schließlich zum Wendepunkt. Die sorgfältig festgehaltenen Zahlen und Fotos zeigten, wie massiv das Problem war. In Absprache mit der unteren Naturschutzbehörde kam das Thema endlich in Bewegung.
August 2024 – Endlich mehr Aufmerksamkeit
Die Verkehrsbehörde des Landkreises lud im August 2024 zu einem Treffen mit allen Beteiligten ein:
- Untere Naturschutzbehörde
- Verkehrsbehörde
- Polizei
- Stadt Bad Iburg
- Betreiber der Forellenzucht
- Vertreterinnen und Vertreter des NABU
Zum ersten Mal waren alle Perspektiven gemeinsam im Gespräch. Schnell wurde klar: Die bisherigen Barken waren keine Lösung. Sie waren unsicher, unpraktisch und wurden regelmäßig von Autofahrern verschoben.
Die Lösung: eine feste Schranke
Eine abschließbare Schranke wurde als sichere, praktikable und verlässliche Variante vorgeschlagen. Sie sollte den Verkehr während der Wanderzeit stoppen, aber für berechtigte Personen leicht bedienbar sein.
Da die Stadt die Anschaffung nicht finanzieren konnte, bot ein engagierter Unternehmer an, die Schranke zu spenden. Die Freude war groß. Auf städtischem Grund waren jedoch noch Fundamente nötig – doch auch hierfür standen keine Mittel bereit. So entstand ein Crowdfunding, das kurz vor Weihnachten 2024 erfolgreich war.
Am 01.02.2025 – exakt zum Beginn der Amphibienwanderung – stand die Schranke an ihrem Platz.
Ein guter Start – und ein unerwarteter Rückschlag
Die ersten Wochen liefen reibungslos. Freiwillige organisierten das Öffnen und Schließen, der Forellenbetrieb hatte einen Schlüssel, und geschlossen wurde nur bei echten Wanderbedingungen.
Doch am 21. Februar 2025 reichte der Forellenbetrieb Klage und zusätzlich einen Eilantrag auf Aussetzung ein. Am 30. März gab das Verwaltungsgericht diesem statt – nicht wegen inhaltlicher Kritik, sondern lediglich wegen eines Formfehlers im Bescheid des Landkreises.
Ironischerweise begann genau an diesem Abend die große Wanderung: milder Regen, 10 °C, perfekte Bedingungen.
Der Krötenshuttle – gelebter Naturschutz
Trotz Sperraufhebung wollten wir die Tiere nicht im Stich lassen. Spontan bildeten sich Sammelteams, Anwohner stellten Fragen, schlossen sich an – und so entstand der tägliche „Krötenshuttle“.
Drei Wochen lang standen wir jeden Abend von 19 bis 23 Uhr an der Strecke, mit Eimern und Stirnlampen, und trugen Tiere sicher über die Straße. Rund 700 Amphibien konnten so gerettet werden.
Leider wurden trotzdem Tiere überfahren – die Strecke ist lang, und nachts nicht lückenlos zu sichern.
Trotz allem wuchs in dieser Zeit eine beeindruckende Gemeinschaft. Menschen, die zuvor kaum etwas über Amphibien wussten, wurden zu engagierten Helfern und Helferinnen.
Oktober 2025 – Die endgültige Entscheidung
Am 9. Oktober 2025 fand eine öffentliche Gerichtsverhandlung vor Ort statt. Es wurde entschieden:
- Die Vollsperrung während der Wanderung bleibt dauerhaft bestehen.
- Die Schranke wird etwas versetzt, um dem Forellenbetrieb den Zugang zu erleichtern.
- Ein Durchgangsverkehr während der Wanderzeit ist weiterhin nicht erlaubt.
Für uns ein Naturschutzerfolg. Mehr Aufmerksamkeit, mehr öffentliche Aufklärung, wegweisend für die Zukunft.
Auch wenn wirtschaftliche Argumente in der Debatte teilweise größer dargestellt wurden, als es angesichts der nächtlichen Betriebsruhe plausibel erschien, zählt am Ende das Ergebnis: Die Amphibien bekommen ihre sichere Wanderroute, und die ehrenamtliche Arbeit wird langfristig entlastet.
Der Blick nach vorn
Die Entwicklung der Bestände wird nun biologisch begleitet. Wir hoffen auf eine Erholung der Population nach Jahren hoher Verluste. Gleichzeitig wünschen wir uns, dass die Menschen in Bad Iburg und Umgebung ein größeres Bewusstsein entwickeln:
für die Bedeutung dieser Tiere, für ihren uralten Wanderinstinkt und für die paar Wochen im Jahr, in denen Rücksicht so viel bewirken kann.
Der Amphibienschutz an der Bergstraße ist ein Beispiel dafür, wie engagierte Ehrenamtliche, Behörden, Anwohner und Naturschutz zusammenwirken können – manchmal mühsam, oft mit Rückschritten, aber am Ende erfolgreich für die Natur.
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