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"Für einen offensiven Mitmach-Naturschutz für alle"
Matthias Schreiber
Mit Datum vom 22.05.2026 veröffentlichten Bündnis 90/Die Grünen unter der Überschrift „Mehr schaffen: Für einen offensiven Mitmach-Naturschutz für alle.“ ihre neue Naturschutzagenda, namentlich gezeichnet von Felix Banaszak MdB, Bundesvorsitzender und Jan-Niclas Gesenhues MdB, umweltpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion. Nachdem die Partei in der Ampelzeit für die massivsten Einschnitte in das Naturschutzrecht seit Bestehen des Bundesnaturschutzgesetzes verantwortlich zeichnete und dieser Weg von der aktuellen Koalition einfach nur verlängert wird, durfte man gespannt sein, was nun die neue Agenda der selbsterklärten Ökopartei sein soll.
Das steht drin – eine Zusammenfassung
Die Grünen möchten den Naturschutz aus der Defensive herausbringen und in eine offensive, flächendeckende Gestaltung des Lebensraums verwandeln. Kernpunkte sind: mehr Fläche statt Fokussieren auf Nischen, Naturschutz als gesellschaftlicher Zusammenhalt sowie die Entwicklung innovativer Geschäftsmodelle und privater Investitionen zur Renaturierung und nachhaltigen Nutzung von Flächen. Die Bedeutung eines funktionierenden Naturschutzes als integraler Bestandteil von Lebensqualität, Gesundheit, Sicherheit und Wirtschaft wird hervorgehoben. Es seien dazu politische Veränderungen, beschleunigte Verfahren sowie ein umfassendes Netz grüner Infrastruktur notwendig. Dazu definieren die Autoren drei „zentrale Säulen“:
Die drei Säulen
inlandsprodukt? (Foto: M. Schreiber)
Mit Naturschutz Neues schaffen statt nur Bestehendes verteidigen
Der neue Naturschutz soll zukunftsorientiert sein, der aktiv Mehrwert schafft, statt Verluste zu verwalten. Ziele umfassen grünflächenreiche Kommunen, gesunde Böden, naturnahe Gewässer, Wiedervernässung, vernetzte Lebensräume und große Schutzgebiete. Es wird ein Beschleunigungsprogramm für Planung, Gesetze und Förderungen verlangt, inklusive eines umfangreichen Programms für natürlichen Klimaschutz und der Umwidmung von Infrastrukturmitteln in blau-grüne Infrastruktur. Wesentliche Punkte sind: breit angelegte Renaturierung, weniger Bürokratie, schnellere Verfahren, Null-Nutzungs-Zonen in Küstengebieten, Standardisierung von Naturschutzprüfungen und der Aufbau eines flächendeckenden Netzwerks von Lebensräumen. Beispiele aus Dänemark und deutschen Renaturierungsprojekten (Havel, Isar) werden als Vorbilder genannt. Ziel ist eine ganzheitliche Landnutzung mit der Landwirtschaft als Partner. Der Fokus soll auf eine sektorübergreifenden, gemeinschaftlichen Umsetzung liegen.
Naturschutz als Kitt für den gesellschaftlichen Zusammenhalt
Naturschutzgebiete sollen allen zugänglich sein und das Naturerleben demokratisieren. Die Vorteile von Naturschutz (Wasser, Luft, Artenvielfalt, Erholung) sollen sozialen Zusammenhalt und Gesundheit fördern, insbesondere in Städten und strukturschwachen Regionen. Ziele umfassen wohnortnahe, kostenlose Naturzugänge, erlebnispädagogische Angebote, regelmäßig stattfindende Outdoor-Aktivitäten in Schulen, öffentliche Führungen in Naturschutzgebieten, Naturerlebnisse in Bildungseinrichtungen, und kein exklusives Privateigentum mehr an Badeseen und Stränden. Naturerlebnis müsse für alle zugänglich sein, insbesondere für Bewohner urbaner Zentren. Das Ehrenamt soll gestärkt, Ressourcen für gemeinsame Naturerlebnisse geschaffen und unnötige Vorschriften abgebaut werden. Ein Beispiel sei das Berliner Volksbegehren für mehr Stadtbäume. Ziel sei eine inklusive, lebenswerte Stadtnatur als Bestandteil des sozialen Zusammenhalts.
Naturschutz als innovatives Geschäftsmodell
Die Autoren stellen fest, dass Staatliche Förderungen allein nicht ausreichen, um dem Naturschutz im großen Maßstab voranzubringen, sondern private Investitionen, innovative Unternehmen und neue Geschäftsmodelle nötig sind. Dafür sehen sie bereits positive Beispiele: Unternehmen entlang der Lieferketten würden die Abhängigkeit von Ökosystemen erkennen und zunehmend in Biodiversität investieren. Konkrete Geschäftsmodelle seien Wiedervernässung von Mooren, naturverträgliche Landwirtschaft, Vertragsnaturschutz, Vermarktung von Öko-Ausgleichsmaßnahmen, erneuerbare Energien im Einklang mit Naturschutz, Agrar-PV, Biomasse aus Abfällen, ökologischer Waldumbau, KI-gestützte Erfassung von Ökosystemleistungen und spezialisierte Garten- und Landschaftsbauunternehmen. Ziel sei auch eine Politik, die Erneuerbare Energien und Naturschutz balanciert fördere, inklusive schnellem Genehmigungsverfahren, schlanken Abläufen und Abbau von Hürden. Renaturierung schaffe Arbeitsplätze, erhöhe regionale Wertschöpfung und stifte Gemeinschaft. Das Konzept der Mitmach-Ökologie soll Naturschutz als Schaffensmodus darstellen, der Gesellschaft zusammenbringt und neue ökonomische Dynamik ermöglicht.
Soweit die Zusammenfassung (bis hier hat KI ein bisschen geholfen …).
Ein paar kritische Einordnungen
Erfreulich ist erst einmal, dass sich Bündnis 90/Die Grünen der Aufgabe stellen, sich für den Naturschutz neu aufzustellen. Und dass eine andere Sicht auf und mehr Ehrgeiz zum Schutz der Biodiversität erforderlich werden, „ein Update des Natur- und Biodiversitätsschutzes“, wie die Autoren schreiben, ist unstreitig. Ob das vorgelegte Papier dafür aber Ansätze bietet, muss allerdings stark bezweifelt werden. Das fängt bei der Analyse der Ist-Situation an, die doch stark von allgemeinen Schlagworten geprägt ist, wenig neue Impulse bringt und vor allem auch keinerlei Selbstkritik erkennen lässt:
Da wird zuerst einmal betont, dass das Bundesnaturschutzgesetz im 50. Jahr seines Bestehens stark unter Druck steht. Die Schuldigen sind gleich mit ausgemacht: Es seien die „(vermeintlich) Konservativen“ die versuchten, „die Ökologie zu verdrängen“. Gleichzeitig würden die Menschen erleben, „wie Schwarz-Rot in beispiellosem Tempo zentrale Errungenschaften des Naturschutzes in Deutschland angreift.“ Wieso überrascht das eigentlich grüne Politiker? Sie selbst waren es, die in der Zeit der Ampel die mit dem Osterpaket und in dessen Windschatten weiter vorangetriebenen gesetzlichen Änderungen die massivsten Kahlschläge zum Schutz der Natur institutionalisiert haben. Wieso wundern sich grüne Politiker, dass die Folgekoalition diesen Weg weitergeht? Zu einer kritischen Bestandaufnahme, die einer neuen Naturschutzagenda vorangehen muss, gehört auch die ungeschönte Ansprache solcher Veränderungen. Denn über den Abbau des Artenschutzes und die schon in der letzten Legislaturperiode eingeführten „Verfahrensvereinfachungen“ und Einschränkungen der Bürgerbeteiligung gehen nicht von alleine wieder weg und über sie wächst auch kein Gras. Die eingeführten „Erleichterungen“ bedeuten kontinuierliche Rücksichtslosigkeiten beim Umgang mit Arten und Habitaten, den Kernelementen der Biodiversität. Dafür jetzt nur mit dem Finger auf Schwarz-Rot zu zeigen, ist schlicht billig!
„Ökologie“ wird nicht erst durch Schwarz-Rot „aus der gesellschaftlichen und politischen Mitte“ verdrängt. Das ist ein Dauerzustand und war auch in Zeiten der Ampel kaum anders. Hier wurde uns ein Primat der Ökologie durch eine Fokussierung auf Erneuerbare Energien suggeriert. Die dahinterstehende, unausgesprochene Formel „Der forcierte Zubau an Wind und PV rettet das Klima und im Schlepptau die Biodiversität gleich mit. Kollateralschäden an einzelnen Arten gleichen sich durch den Stopp des Klimawandels aus!“ ist schlicht und ergreifend Unsinn. Sofern als Ausgleich auf das „Aktionsprogramm natürlicher Klimaschutz“ (ANK) oder das neu aufgelegte Artenhilfsprogramm verwiesen wird, so sind beides Ausweis für das Fremdeln grüner Politik mit den Kernfragen der Biodiversität: Die Förderrichtlinien zur Inanspruchnahme der Mittel aus dem ANK sind in der Zeit der Ampel allenfalls in Teilen fertig geworden, das Artenhilfsprogramm entpuppt sich als ungezieltes Streuinstrument, weil es allenfalls zufällig solchen Arten zugutekommt, für deren Schädigung die Abgabe zu leisten ist.
Welches Rollenverständnis von Politik?
„Holt den Naturschutz wieder stärker auf die politische Agenda und in die politische Debatte. Naturschutz hat sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend aus dem politischen Raum in den Rechtsraum verlagert.“
So lautet eine These des Papiers. An wen richtet sie sich und mit welchem Ziel heben sie die beiden Autoren hervor? Es war Ergebnis der politischen Debatte vergangener Jahrzehnte, die zu einer an sich guten gesetzlichen Regelungen zum Schutz der Biodiversität geführt haben. Sie wurden nur nicht umgesetzt. Es kam infolgedessen zu Klagen (nach einer Fußnote im Papier übrigens in weniger als 0,1 % von über 100.000 Verfahren im Jahr). Soweit ein ganz normaler Vorgang. Politik kommt doch erst wieder ins Spiel, wenn es Korrekturbedarf gibt. Warum meint man, den Naturschutz angesichts so weniger Klagen überhaupt aus dem Rechtsraum in den politischen zurückholen? Die letzte grüne politische Rückrufaktion haben wir während der Ampelkoalition im Bereich des Artenschutzes erlebt. Im Ergebnis wurden zugunsten Erneuerbarer Energien Artenschutz- und Beteiligungsrechte in bisher nicht gekanntem Maße beschnitten. Das hat ganz ohne „antiökologischen Kulturkampf“ der „vermeintlich Konservativen“ tiefe Spuren hinterlassen!
Wohin also soll es also gehen? Soll im politischen Raum nur mehr über Naturschutz geredet werden, ohne dessen Handlungsrahmen zu erweitern? Soll „Politik“ die Rahmenbedingungen ändern und wenn ja, in welche Richtung?
Naturschutz - mit welchen Akteuren?
Die Autoren geben das Ziel aus: „Ökologie für und mit allen.“ Was das genau bedeuten soll, bleibt allerdings unscharf. So wird an erster Stelle bekannter Ursachen des Artensterbens die „Industrielle Landwirtschaft mit Monokulturen und Pestiziden“ genannt, sodann „Verkehr, Lebensraumzerstörung durch Zerschneiden, Betonieren und Planieren, Überdüngung“. Gleichwohl wird das Ziel ausgegeben, Landnutzerinnen und Landnutzer nicht als Gegner zu begreifen. Es ist aber das, was aus der fernen Perspektive städtischer Milieus als industrielle Landwirtschaft wahrgenommen wird, vielfach wirtschaftliche Existenz der Landwirte und Landwirtinnen (Familienbetriebe!), die man doch gewinnen möchte. Und was die Versiegelung unserer Umwelt angeht: Auch hier lässt einen der Blick in die Ampelzeit zweifeln, wie weit es damit her ist.
Drei Säulen: Unklare Konstruktion, bedingt tragfähig
Für den zukünftigen Naturschutz sehen die Autoren drei Säulen vor. So reicht es nach ihrer Ansicht nicht aus, nur das Wenige zu verteidigen, was an ökologisch wertvoller Natur existiert. Unser Problem ist allerdings eher, dass wir noch sehr weit davon entfernt sind, selbst das Wenige zu bewahren und in einen guten Erhaltungszustand zu bringen! Abhilfe soll ein Beschleunigungsprogramm für den Naturschutz schaffen, eine Idee, die schon in der Ampelzeit nicht ins Werk gesetzt werden konnte. Wohin das führen wird, ist völlig offen und grenzt wahrscheinlich höchstens den Rückstand zu all den aktuellen Beschleunigungsinitiativen für Infrastruktur jede rArt ein. Die meisten Naturschützer wären dagegen viel bescheidener und schon froh, wenn die aktuellen Verpflichtungen zum Schutz der Arten und der europäischen Schutzgebiete sorgfältig umgesetzt würden!
Als Säule zwei wird der Naturschutz als Kitt für den gesellschaftlichen Zusammenhalt propagiert. So wichtig ein solches Ansinnen ist und auch durch konkrete Einzelbeispiele unterfüttert wird, so sehr fragt man sich auch, wieso das eigentlich nicht schon längst in den meisten Bundesländern realisiert ist. Schließlich haben Bündnis 90/Die Grünen dort oft viel Zeit in der Regierungsverantwortung verbracht, ohne dass es diesen flächendeckenden Bewusstseinswandel gegeben hätte. Manches darin erscheint sogar problematisch und bedarf der klaren Regulierung: „Wir wollen ein Naturschutzrecht, das einlädt, Natur zu erleben. Als Orientierung dient uns das Jedermannsrecht nach den Vorbildern Brandenburgs, Mecklenburg-Vorpommerns und Schleswig-Holsteins zum geregelten Betreten, Sammeln und Wildcampen in der Natur. Hier tritt eine sanfte Nutzung und Eigenverantwortung für unvergessliche Naturerlebnisse an die Stelle eines gescheiterten Geflechts von starren Regeln.“ Was alles fällt darunter: Eine Familie mit drei Kindern aus Berlin, zeltend an einem Juniwochenende unter einem Schreiadlerhorst? Für die eine Familie fraglos ein unvergessliches Naturerlebnis …
Säule drei soll schließlich der „Naturschutz als innovatives Geschäftsmodell“ bilden. Das hört sich erst einmal verheißungsvoll an, dürfte aber in der Summe lediglich falsche Erwartungen wecken. Denn Naturschutz bedeutet, die bisherige kostenlose oder kostengünstige Inanspruchnahme der Ressource Natur zurückzufahren. Dabei mag es auch Gewinner geben. Insgesamt werden sich Wirtschaft und Gesellschaft dazu aber zurücknehmen, beschränken müssen. Diese Umstellung wird deshalb vor allen Dingen kosten!
Naturschützer kennen nicht nur zwei, sondern mindestens drei Seelenzustände!
Und schließlich ist da noch die Eingangsbeschreibung der Naturschutzagenda, mit der sich die Autoren offenbar auch als Naturschützer-Versteher zu erkennen geben möchten: „Menschen im Naturschutz kennen zwei Seelenzustände:“ „Das verzweifelte Anrennen gegen riesige Behördenapparate und wirtschaftliche Interessen großer Konzerne, die größer, lauter und einflussreicher sind“ und denen man dann beim Versuch unterliegt ein wertvolles Stück Natur zu retten auf der einen Seite, und „Begeisterung, Stolz, Gänsehaut“ auf der anderen Seite, wenn etwa Renaturierungen geklappt haben. Diese schlichte Zuschreibung ist neben verschiedenen Mischformen um mindestens eine weitere innere Verfassung zu ergänzen:
Naturschützer kennen nämlich seit Jahrzehnten als dritten „Seelenzustand“ noch den Frust, den man erfährt, wenn man mitbekommt, was von grünen Naturschutzversprechen in die Tat umgesetzt wird, wenn grüne Minister in einem Amt (in der Regel auch das Umweltministerium) angekommen sind. Hierzu reichen ein paar Verlinkungen auf Beiträge auf dieser Seite:
„Ohne Rücksicht auf Klima- und Biodiversitätskrise“
„Klimaministerium schon an Tag 3 auf Abwegen“
Fazit
Trotz aller Kritik bleibt es grundsätzlich begrüßenswert, dass sich zwei namhafte Politiker einer Bundespartei daran machen, zu der der Erderhitzung nicht nachstehenden globalen Krise des Biodiversitätsschwundes eine Position zu veröffentlichen. Kaum denkbar, dass es vergleichbare Papiere aus der CDU mit einem Koautor Friedrich Merz oder aus der SPD mit Bärbel Bas geben könnte.
Gleichwohl reicht diese Naturschutzagenda noch nicht für eine echte Neuausrichtung aus, sondern kann allenfalls als ein erster Aufschlag dienen („Naturschutzagenda Version 0.5“). Die Autoren selbst und darüber hinaus auch die an einem echten Naturschutz interessierten Menschen, unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit, sollten dabei auch nicht bei dieser Frage stecken bleiben: „Aber haben wir genug reflektiert, welche Einfallstore wir dem anti-ökologischen Kulturkampf gelassen haben?“ Die Analyse muss viel tiefer in die bisher nur oberflächlich angerissenen Themen eintauchen. Das betrifft die Rolle der verschiedenen Akteure in Naturschutzverbänden, aber auch der Blick auf Naturnutzer, das betrifft die Rolle von Gesetzgebung, Umsetzungspraxis und Rechtsprechung.
Es gilt vor allen Dingen, eine Neuausrichtung des Naturschutzes nicht zu einem Kulturkampfthema und einem „WIR gegen DIE“ aufzuladen. Es ist nämlich gar nicht so leicht auszumachen, wer hier „WIR“ und wer „DIE“ sind. Für einen wirkungsvollen Naturschutz benötigen wir vielmehr einen mindestens so großen Grundkonsens mit vergleichbaren Festlegungen, wie er – wenn auch mühsam – für die Eindämmung der Erderhitzung derzeit noch aufrecht erhalten wird.
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