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Jagd: Hohe Raten angeschossener Vögel als Folge der Wasservogeljagd
Dr. Helmut Kruckenberg
Die Jagd auf Wasservögel muss unter Berücksichtigung des Erhaltungszustands und des Tierschutzes nachhaltig durchgeführt werden, so sehen es Gesetze und internationale Konventionen vor. Schrotmunition wird v.a. bei der Jagd auf Wasservögel benutzt. Dabei enthält eine Patrone bis zu 300 kleine Schrotkörner, die sich wie Streumunition in der Luft verteilen. Dabei nimmt die Dichte sowie die kinetische Energie mit der Entfernung ab, so dass die Jagd nur bis zu einer Höhe von max. 35-40m als „waidgerecht“ i.S. des BJagdG gilt. Darüber werden Vögel zwar von Schrotkugeln getroffen, aber nicht getötet. Diese werden von Jägern als „angebleit“ bezeichnet, erleiden durch die Schrote im Körper Verletzungen und Verkrüppelungen (engl. „crippling“). Dieses kann zu einem späteren Tod irgendwo im Schilf, nur chronischen Verletzungen oder generell verminderter Fitness führen. In einer umfangreichen Studie untersuchten Wasservogelforscher aus den Niederlanden, Schweden, Dänemark und Deutschland die Anteile angeschossener Wasservögel in ihren Fängen. Die Vögel wurden nach der Beringung geröntgt und so der zum Anteil Vögel mit eingeschossenen Schrotkugeln ermittelt. Die Studie umfasste Individuen aus neun Wassergeflügelarten in sechs europäischen Ländern im Zeitraum 2017–2022. Insgesamt wurden 3.843 Individuen geröntgt, von denen 17 % angeschossen waren. Logistische Regressionsmodelle zeigten, dass das Risiko einer solchen Verkrüppelung zwischen den Arten variierte und mit dem Alter zunahm, jedoch nicht mit der individuellen Körpermasse innerhalb einer Art. Im Durchschnitt stieg die Verletzungsrate mit der durchschnittlichen Körpermasse der Art; die höchste Rate wurde bei Zwergschwänen und Graugänsen festgestellt, bei denen 33 % bzw. 28 % der Individuen verletzt waren, und die niedrigste Rate bei Pfeifenten und Ringelgänsen, bei denen 5 % bzw. 4 % verletzt waren. Im Durchschnitt trugen 19 % der erwachsenen Vögel eingebettete Schrotkugeln, gegenüber 4 % der Jungvögel im ersten Lebensjahr. Die höheren Verletzungsraten und die höhere Anzahl eingebetteter Schrotkugeln bei Adulten als bei Jungtieren deuteten auf eine kumulative Exposition hin. Die Verletzungsraten von Gänsen unterschieden sich zwischen den Ländern und je nach Populationsstatus, wie das Beispiel der Nonnengans zeigt: 15 % der überwinternden Adulten waren in den Niederlanden verletzt, gegenüber 9 % in Deutschland, und 15 % der Erwachsenen der Winterzugvögel gegenüber 21 % einer intensiv verfolgten residenten Population in den Niederlanden. Die gemeldeten Verletzungsraten liegen im Bereich der zuvor gemeldeten Verletzungsraten von Gänsen und Schwänen, einschließlich hoher Raten für Zwergschwäne und Nonnengänse, die in einem Teil ihres Verbreitungsgebiets geschützt sind. Insbesondere diese beiden Arten stehen unter dem strengen Schutz der EU-Vogelschutzrichtlinie und sind im Geltungsbereich der EU nicht jagdbar (wenngleich Nonnengänse in erheblichen Maß „zur Abwehr landwirtschaftlicher Schäden“ in zahlreichen EU-Ländern beschossen werden). Nicht zuletzt sind es diese Schrote aus der Wasservogeljagd, die heute noch maßgeblich zu Vergiftungserscheinungen bei Prädatoren wie z.B. beim Seeadler führen.
Die Studie zeigt, dass die Folgen der nicht ordnungsgemäßen Jagdausübung ein gravierendes Problem für den Naturschutz und den Tierschutz darstellen, das durch gezielte Maßnahmen wirksam bekämpft werden muss.

Angeschossene und dadurch flugunfähige Nilgans (Foto: H. Kruckenberg)
Buij, R., S. Moonen, G. Müskens, Y. van der Horst, H. Kruckenberg, N. Liljebäck, J. Månsson, K Koffijberg, H.P. van der Jeugd, B.A. Nolet, H. Baveco & J. Madsen (2026): Crippling rates of waterfowl by gunshot in Northwestern Europe: interspecific and geographic differences give clues to possible management challenges and options. – Eur. J. Wildl. Res. 72: e35. doi.org/10.1007/s10344-026-02070-2 (open access)
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